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Silke Scheuermann – Wovon wir lebten

Würde ich mich auf den besten deutschsprachigen Roman des Jahres festlegen müssen – Silke Scheuermanns neues Buch wäre mein Tipp für die Nummer Eins.

Was macht dieses Buch so besonders?
Die Geschichte? Die Sprache? Der Sound von Silke Scheuermanns Prosa?

Im Mittelpunkt der über 500 Seiten starken Geschichte steht Marten Wolf, der aus einem problematischen Elternhaus stammt und sich bereits in jungen Jahren um die alkoholkranke Mutter und die kleine Schwester kümmern muss.
Große Erwartungen an das Leben hat Marten daher nicht. Er wächst in einem Umfeld auf, das von illegalen Geschäften, Schlägereien und Sex beherrscht wird. Nach einer Lehre und Schichtarbeit bei Höchst nehmen Drogen seinen Alltag gefangen. In der Entzugsklinik lernt er Peter kennen, einen ehemaligen Restaurant- und Clubbesitzer. Peter entdeckt Martens Talent zum Kochen. Als die beiden gemeinsam das Edellokal Happy Rabbit in Frankfurt eröffnen, kommt es zu einem Wiedersehen mit Martens Jugendliebe Stella, die ihre Bilder in der Galerie des Restaurants ausstellen soll. Von einer reichen Tante großgezogen, scheint sie ihm unerreichbar. Jetzt aber drehen sich die Vorzeichen um: Während Stella um Anerkennung für ihre Kunst kämpfen muss, avanciert Marten zum angesagten Fernsehkoch – bis das kriminelle Milieu ihn wieder einzuholen droht.

Beinhart lässt Silke Scheuermann ihren Protagonisten diese Tour de Force durchlaufen und durchleiden: Ohne Schnörkel und Beschönigungen, in einer authentischen und gnadenlosen Sprache hat der Leser  teil an Martens Leben – sowohl mit seinen tragischen Wendungen als auch mit den glücklichen Fügungen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – im Roman zeigt uns die Autorin, welche Wahrheit in dieser Redewendung steckt, aber auch, welche Kraftanstrengung nötig ist, um sein Glück zu machen. Dass der Leser an der Figur Marten über weite Strecken und speziell im mittleren Teil des Romans wenig Sympathisches entdecken wird, ist sicher beabsichtigt: eine schlimme Kindheit entschuldigt auch in diesem Fall kein charakterloses Erwachsensein.

Der Roman kann naturgemäß aufgrund der Story nicht auf eine gute Portion krasser Milieuschilderungen verzichten. Dass dies für den Leser nicht zu einer anstrengenden Lektüre auswächst, ist der großartigen, humorvollen Sprache und der Authentizität von Silke Scheuermanns Prosa zu verdanken.

Trotz des überraschend versöhnlichen Endes und des unverständlich unentschlossenen Titels ist es ein sehr empfehlenswertes Buch, das ohne eine einzige überflüssige Zeile auskommt.


Silke Scheuermann „Wovon wir lebten“ Schöffling-Verlag 2016, € 24,00