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Familienangelegenheiten

Der C.H. Beck Verlag setzt im Herbst 2016 mit zwei Familiengeschichten im literarischen Programm ganz besondere Glanzpunkte: Zum einen meldet sich Diane Broeckhoven zurück, an deren Buch „Ein Tag mit Herrn Jules“ sich bestimmt der eine oder andere Leser gerne erinnern wird.
Zum anderen ist Lily Kings dritter Roman „Vater des Regens“ aus dem Jahre 2010 nun in deutscher Übersetzung erhältlich, was sicherlich auch dem Erfolg ihres im letzten Jahr erschienen Bestsellers „Euphoria“ zu verdanken ist.

Beide Bücher haben eine erstaunliche Gemeinsamkeit – die behutsamen Schilderungen von emotionalen Abhängigkeiten innerhalb einer Familie – und sind doch in Story und Erzählweise höchst unterschiedlich.

Im kleinen, feinen Roman von Diane Broeckhoven wird die Geschichte erzählt, die so oder ähnlich häufig passiert: Ehepartner trennen sich, die Kinder wachsen bei der Mutter auf und der Vater gründet mit frischem, jungen Glück eine neue Familie. Manon erlebt genau dies und erzieht ihre Töchter und den Sohn Peter alleine. Dieser wendet sich von ihr ab, als er ein pikantes Detail aus der Vergangenheit seiner Mutter erfährt und er ist es auch, der eine folgenreiche Entscheidung treffen muss, ob er seine Mutter nach einem Schlaganfall bei ihrer Rückkehr ins Leben begleiten oder seiner beruflichen Karriere folgen wird.
Das untrennbare Band zwischen Kindern und Eltern thematisiert die niederländische Autorin in diesem sehr warmherzigen und an jeder Stelle nachvollziehbaren zarten Buch, in dem man sich als Leser durchaus hier und dort wiederfinden kann.

Auch in Lily Kings Roman „Vater des Regens“ steht eine familiäre Abhängigkeit im Mittelpunkt der Geschehnisse. Im Amerika der 50er Jahre beginnt die Geschichte von Daley Amory, die nach der Trennung der Eltern bei der Mutter aufwächst, ihrem Vater aber kindlich treu verbunden bleibt. Dass dieser ein unangenehmer Mensch ist, charakterlos und voller peinlicher Egozentrik, ist Daley sehr deutlich bewusst, kann ihrer Verbundenheit mit dem Vater jedoch keinen Abbruch tun.

„Ich sehe ihren wippenden Fuß vor mir, höre die Seiten des Time-Magazins rascheln. Trauer wallt in mir auf und gerinnt dann schlagartig. Ich darf mich nicht vor meinem Vater nach meiner Mutter sehnen. Aber sie hat hier gelebt, wir alle waren einmal eine Familie in diesem Haus. Es kommt mir vor wie eine Geschichte, etwas, das ich aus Erzählungen kenne, statt aus eigener Erfahrung. Es war einmal eine hübsche Dame, die wohnte mit einem gut aussehenden Mann in einer Villa dicht am Meer. Sie hatten zwei entzückende Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Aber die hübsche Dame war nicht glücklich und eines schönen Tages nahm sie das kleine Mädchen und sämtlichen Schmuck und verschwand.“

Auch in diesem Roman wird sich ein erwachsenes Kind (hier die Tochter) an einer entscheidenden Weichenstellung der beruflichen Karriere (in diesem Fall eine Professur in Berkley) entscheiden müssen, dem moralischen Ruf des Herzens zu folgen oder sich im vermeintlich eigenen Leben einzurichten.

Weniger mitfühlend als vielmehr entlarvend beobachtet Lily King die unzerreißbaren Fallstricke dieser Familie und die liebende Hilflosigkeit der Protagonistin Daley, aber auch deren Größe, am Ende die für sie richtige Entscheidung zu treffen.


Diane Broeckhoven „Was ich noch weiß“ / C. H. Beck-Verlag 2016 / € 17,95
Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel

Lily King „Vater des Regens“ / C. H. Beck-Verlag 2016 / € 21,95
Aus dem Englischen von Sabine Roth