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Rolf Lappert zu Gast bei Litera

Zum dritten Mal war Rolf Lappert bei Litera zu Gast und die bisherigen Besuche fanden in unterschiedlichen Jahreszeiten statt, nur nicht im Winter. Ein Zufall?

Bei der Vorstellung seines neuen Romans „Über den Winter“ am 1. September 2015 herrschten faire Kieler Wetterbedingungen, am Nachmittag war Zeit für einen Förde-Spaziergang im Sonnenschein und Gelegenheit für ein Gespräch und einige Fragen an den Schweizer Autor zum neuen Buch und dessen Ort der Handlung. Waren es in „Nach Hause schwimmen“ mit Amerika, Schweden und Irland sowie den Philippinen in „Auf den Inseln des letzten Lichts“ noch weit entfernte Orte, so kommt uns Rolf Lappert diesmal recht nahe. Hamburg ist der Schauplatz seines neuen Buches, genauer gesagt: Wilhelmsburg. Das macht neugierig – warum Hamburg, noch dazu im Winter?

Diese Frage beantwortet Rolf Lappert gerne, da dies anscheinend all jene interessiert, die in seinen Büchern bisher ihrer Lust am Fernweh frönen durften.
„Ich wollte gerne einen Familienroman schreiben und der sollte hier im Norden spielen. Hamburg kenne ich von vielen Aufenthalten, ich habe Freunde dort und die Stadt ist mir sehr sympathisch. Als Ort der Handlung ist sie ideal: München ist zu reich, Köln ist belegt mit Karneval und Frohsinn, Hamburg dagegen hat alles, was es braucht. Und Wilhelmsburg ist echt und authentisch – ein Umfeld, das zu der Geschichte Lennard Salms passt.“

Rolf Lappert - Ueber den WinterLennard Salm, die Hauptfigur in Rolf Lapperts neuem Roman, ist ein durchaus erfolgreicher Fotograf und Installationskünstler, der sich am Anfang des Buches in einem Ort an der italienischen Küste befindet, um Objekte für seine neue Arbeit zu suchen. Seine Idee ist, aus Schwemmgut und Fundstücken, die das Mittelmeer an die Ufer gespült hat, eine Kunstaktion zu erstellen. Der Fund eines toten Säuglings in einem gekenterten Boot jedoch lässt ihn diesen Plan überdenken. In dieser Situation erreicht ihn die Nachricht aus Hamburg, dass seine älteste Schwester gestorben ist. Salm macht sich also anstatt auf den Weg zurück nach New York, wo er inzwischen lebt, auf die Reise in den Norden Deutschlands und trifft dort auf die Familie, bestehend aus einer weiteren Schwester, seinem jüngeren Bruder und dem Vater: Menschen, denen er eine lange Zeit nicht begegnen wollte und die er glaubte, hinter sich lassen zu können.

In der Schilderung des Wiedersehens und Zusammentreffens mit eben dieser Familie liegt die Stärke des Buches: in seinem gekonnt bildreichen Sprachduktus und den fein gezeichneten Bildern eines grauen nordischen Winters macht uns Rolf Lappert mit den Personen bekannt und webt das intensive Panorama einer Familie, die jeder von uns kennt oder zu kennen glaubt: den spießigen kleinen Bruder mit Kind und Kegel, die flippige Schwester, die voller Unruhe im Leben kreiselt und noch immer nicht so richtig weiß, wohin mit sich in der Welt. Dazu der hilfebedürftige alte Vater, der zwar seine Sehkraft einbüßen muss, sich seinen Humor jedoch bewahrt hat und das Leben in seiner Überschaubarkeit durchaus zu genießen vermag. Anrührend sind die Begegnungen Salms mit dem Vater, die Momente der Zärtlichkeit.

Fremde und vertraute Menschen kreuzen seinen Weg in dieser winterlichen Atmosphäre.
Eine Vielzahl kleiner Erlebnisse beeinflussen Lennard Salm in seiner Entscheidung, sich der Familie zu widmen und Verantwortung zu übernehmen. Die Hintertür am Ende des Romans bleibt einen Spalt weit offen und es liegt im wohlwollenden und versöhnlichen Blick Rolf Lapperts, seinen Protagonisten Salm nur auf ein Eis zu schicken, das ihn tragen wird.


Rolf Lappert „Über den Winter“, Hanser Verlag, € 22,90 oder als Hörbuch, gelesen von Joachim Schönfeld, bei Hörbuch Hamburg zu € 19,99