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Pierre Jarawan – Ein Lied für die Vermissten

Amin, ein libanesischer Junge, ist 14 Jahre alt, als er 1994 mit seiner Großmutter aus München, wohin beide vor dem Bürgerkrieg geflohen waren, zurückkehrt nach Beirut. Dort hat der Krieg tiefe Spuren hinterlassen sowohl in der Stadt als auch in den Menschen, die ihn miterleben mussten. Mit dem gleichaltrigen Jafar streift er durch die Ruinen der Häuser und sie verkaufen Dinge vom Flohmarkt, denen sie mit erfundenen Geschichten eine ganz besondere Wertsteigerung verschaffen.
Jafar hat den Krieg im Libanon erlebt und weiß Amin Geschichten zu den zerstörten Häusern und engen Gassen zu erzählen, aus denen er und seine Schwester sich während der Bombenangriffe in fremde, friedliche Länder träumten.

Amins Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Seine Großmutter hat nach der Rückkehr aus Deutschland das Haus der Familie in den Bergen verkauft und eröffnet mit dem Geld ihr Café in Beirut, wo sie eigene Bilder ausstellt. Auch Amins Mutter war Malerin, hat in Paris Kunst studiert, und von ihr stammt das selbst während der Flucht wohlbehütete Bild „Ein Lied für die Vermissten“, das dem Roman den Titel gibt.

Pierre Jarawan, selbst im Alter von 3 Jahren aus Jordanien nach München gekommen, erzählt auch diese Familien- und Freundschaftsgeschichte wieder in der für ihn so typischen bildhaften und dennoch klug reduzierten Sprache mit treffenden Beschreibungen der Gedankenwelt eines Heranwachsenden.

Sein wiederkehrendes Thema ist der Verlust von Sprache und von Familie und so wie bereits in seinem 2016 erschienenen Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ ist auch hier das unerklärliche Verschwinden einer geliebten Person (in den „Zedern“ war es der Vater, hier ist es der Freund Jafar) ursächlich für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Jarawans Liebe zum Libanon durchdringt jede Zeile, die Sehnsucht nach der Heimat seines Vaters schwingt in jedem Moment der Erzählung mit. Auch wenn Jarawan nicht seine selbsterlebte, eigene Lebensgeschichte erzählt so ist seine an alle Sinne gerichtete Sprache ein Geschenk: die Gerüche, Geräusche und Gebräuche des fernen Landes so großartig zu beschreiben vermag nur ein echter Geschichtenerzähler – Pierre Jarawan ist solch ein wunderbarer Hakawati.

Berlin Verlag / € 22,00