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Susan Hill – Stummes Echo

Mit genauer Beobachtungsgabe erweckt Susan Hill, die 1942 in Yorkshire geborene englische Schriftstellerin, in ihrem feinen schlanken Roman ein bäuerliches Leben in Nordengland. Ab den 1930er Jahren über die Kriegszeit spannt sie einen Erzählbogen bis in die Gegenwart. Die vier Geschwister der Familie Prime – Colin, Frank, May und Berenice – wachsen auf dem abgelegenen Hof „The Beacon“ auf. Eine einfache, aber schöne Kindheit verbindet sie. Während Colin, der älteste, auch als erster den Hof verlässt und nach seiner Heirat eigene Landwirtschaft in der Nähe betreibt, versucht sich May, die von den vieren als die Klügste gilt, in London am College. Als dies missglückt, bricht sie ihr Studium ab und geht, als der Vater stirbt, zurück auf den Hof.

Sie kümmert sich fortan um die Mutter Bertha und erst als erwachsene Frau gesteht sie sich nach deren Tod endlich „die Freiheit ein, tun und lassen zu können, was sie will“.

Die ersten Hinweise auf eine nicht ausschließlich idyllische Kindheit gibt es schon bald in dem Roman: da ist Frank, der zweite Sohn, der oft unvermutet wie aus dem Nichts auftaucht und seinen Geschwistern unheimlich ist „kaum drehte man sich um, stand Frank da, beobachtend“. Berenice, die jüngste Schwester wird von May gehätschelt und wächst zu einer verwöhnten jungen Frau heran. Doch auch sie verlässt den Hof und heiratet einen wesentlich älteren Mann, der als Musiker und Wahrsager seinen Unterhalt verdient.

Frank zieht nach London und lebt dort als Journalist und Schriftsteller, es gibt wenig Kontakt zu ihm.

Das ruhige, scheinbar vorbestimmte Leben aller ändert sich auf einen Schlag, als Frank ein Buch veröffentlicht, in dem er eine Kindheit auf dem Lande beschreibt, die unter Nennung aller wahren Namen und Orte seiner eigenen Kindheit zu entsprechen scheint. Die Geschwister sind entsetzt und ratlos, was ihn dazu veranlasst haben mag. Frank dagegen erwartet aufgrund des hohen Medieninteresses mit Spannung die Reaktion seiner Familie.

Er wartete, dass der Himmel sich auftat und Feuer auf seinen Kopf herabregnete. Wenn er morgens aufwachte, rechnete er damit, dass böse Briefe in der Post lagen oder dass es an der Tür läutete und einer von ihnen davorstand.“

Wunderbar zurückhaltend erzählt Susan Hill eine dichte und bis zum sprichwörtlich letzten Satz spannende Familiengeschichte, in der Ort und Zeit und damit die gesamte Lebenssituation der Familie Prime so plastisch vor Augen erscheint wie in einem sehr gut fotografierten Film. Im kleinen Format ist das beste Erzählkunst, die bewegt.

 


Susan Hill – Stummes Echo / 2019 bei Gatsby-Verlag / € 18,00
Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Stumpf