Suche
  • www.litera-kiel.de / +49 431 8950039
  • Di. bis Fr. 10:00 - 18:00 Uhr, Sa. 10:00 - 14:00 Uhr
Suche Menü

Ewald Arenz – Der große Sommer

Ein erwachsener Mann läuft über einen Friedhof. Während er nach einem bestimmten Grab sucht, erinnert er sich an den prägenden Sommer, als er 16 Jahre alt war:

Die Aussicht, sich bei seinem unnahbaren Großvater auf die Nachprüfungen in Latein und Mathe vorbereiten zu müssen während seine Familie in den Sommerurlaub fährt, findet Frieder niederschmetternd.
Sein einziger Trost ist Nana, seine Großmutter. Und Beate, das Mädchen in dem flaschengrünen Badeanzug, das er an einem der letzten Tage vor den Ferien im Schwimmbad kennengelernt hat. Er erfährt eine erste große Liebe mit allem was dazu gehört: Aufregung, Unsicherheit und grenzenlose Höhenflüge. Er genießt unbeschwerte Tage im Schwimmbad mit seiner Schwester Alma, der faszinierenden Beate und dem besten Freund Johann, der meist souverän und cool, tatsächlich aber ein komplizierter Mensch ist.

Allen schrecklichen Ahnungen zum Trotz lernt er den eigenwilligen Großvater in den darauffolgenden Wochen mit neuen Augen zu sehen und erfährt von der außergewöhnlichen Liebesgeschichte seiner Großeltern.

Ewald Arenz‘ neuer Roman ist in den jugendlichen Dialogen witzig, oft berührend und manchmal auch traurig. Besonders junge Leser*innen, die bereits Bov Bjergs „Auerhaus“ oder Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ mochten, dürften mit dieser leichten Lektüre ihre Freude haben.

DuMont-Verlag 2021 / € 20,00

Roland Schimmelpfennig – Die Linie zwischen Tag und Nacht

Berlin, Görlitzer Park: Im Landwehrkanal treibt eine tote junge Frau im weißen Brautkleid.
Der suspendierte Drogenermittler Tommy holt die Unbekannte aus dem Wasser und sucht in den Clubs und kriminellen Clans der Stadt nach ihrer Geschichte. Auf seiner Odyssee durch Berlin begegnet er Überlebenskünstlern und Kämpfern, Verlorenen und Gestrandeten aus aller Welt – vom japanischen Tattoo-Meister bis zur indischen Feuerspuckerin.
Hellwach und todmüde, zwischen Traum und Wirklichkeit taucht Tommy immer tiefer ein in die Berliner Unterwelt und in die eigene Vergangenheit.

Dieser schnelle, sehnsüchtige Trip durch unsere chaotische Gegenwart ist ein harter und dennoch gefühlvoller Roman, der von der Zerbrechlichkeit des Lebens und unserer Sehnsucht nach Gemeinschaft erzählt.
Wie bereits in seinem ersten Buch „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ schreibt der Dramatiker Roland Schimmelpfennig gekonnt von den zerrissenen Typen der großen Stadt. Er kratzt an der rauen Wirklichkeit und zeigt Menschen in ihrer Verlassenheit und in ihrer Suche nach dem echten im synthetischen Glück.

Schimmelpfennig macht die Stadt zur Theaterbühne: einzigartig und bedrückend sind die starken Bilder. Damit ist das krasse und scharfkantige Buch keine leichte Kost, aber gnadenlos gut.
S. Fischer-Verlag 2021 / € 22,00

Ina Westman – Heute beissen die Fische nicht

Eine Familie verbringt ihren Sommer auf einer abgelegenen Insel im finnischen Schärengarten.
Joel, Emma und Fanni: Vater, Mutter, Kind – eine nur auf den ersten Blick idyllische Szene.

Nach und nach tauchen Risse im perfekten Leben auf: Emma, die als Fotojournalistin überall in den Krisengebieten der Welt das Leid der Menschen dokumentiert und von Überflutungen, fehlenden Impfstoffen und verdorbenen Hilfslieferungen an die Bevölkerung berichtet, versucht zwischen den Reisen, daheim eine Familie zu erhalten und „die Welt zu retten“, wie sie ihrer gemeinsamen Adoptivtochter Fanni in wenigen Worten ihren Job erklärt.

Joel, der pragmatische Lehrer, versucht seine Bodenständigkeit durch die erholsamen Aufenthalte auf der abgeschiedenen familieneigenen Insel zu erhalten und gerät doch zunehmend unter Druck, da Emma unter den Folgen einer Operation leidet. Sie hat Visionen, spürt die Anwesenheit ertrunkener Flüchtlinge und verliert sich in den Erinnerungsfetzen vergangener belastender Ereignisse ihrer Arbeit.

Geschickt tastet sich die aus den abwechselnden Perspektiven von Emma und Joel erzählte Geschichte durch die Unebenheiten einer Ehe und spart nicht an atmosphärischen Beschreibungen des nordischen Sommers in den Schären.

Wie rettet man eine Beziehung, die auseinanderdriftet und welche Hürden müssen genommen werden, damit zwei Menschen sich – und die Person, die sie lieben – nicht verlieren?

Dies ist ein sanfter und zugleich mit starken Bildern arbeitender Roman der finnischen Autorin Ina Westman, der ein bekanntes Thema neu erzählt und mit feinem Stilgefühl überzeugt.

mareverlag 2021 / € 22,00

Callan Wink – Big Sky Country

Als Sohn eines Farmers hat August früh erfahren, was stilles Glück und harte Arbeit bedeuten.
Seine Mutter wünscht sich ein anderes Leben und für ein verlockendes Arbeitsangebot verlässt sie nach ihrer Scheidung mit August die Farm in Michigan.

Zu zweit ziehen sie nach Montana, in das „Land des hohen Himmels“. In der Weite der neuen Heimat erfährt der Jugendliche eine erste komplizierte Liebe und anstatt das College mit einem Stipendium zu besuchen, wie es seine Mutter für ihn erhofft, findet er Arbeit auf einer Ranch im Nachbarort und freundet sich mit den wenigen Jugendlichen an, die diese einsame Gegend bietet.

Über das große Erleben und die kleinen Enttäuschungen eines ländlichen Lebens erzählt dieser wundervoll ruhige, bildhafte Roman und vom Heranwachsen eines Jungen zum Mann. Nichts ist einfach, aber alles ist möglich. Und am Ende kann sogar der Vater etwas vom Sohn lernen über den Mut, Neues zu beginnen.

Big Sky Country ist ein poetischer Bildungsroman mit feinen Landschaftsbeschreibungen, gradlinig und einfühlsam erzählt.
Ein kleines Meisterwerk, dessen Ende man sowohl herbeisehnt als auch hinauszögern möchte, um noch ein wenig länger in der Geschichte verweilen zu dürfen.

Suhrkamp-Verlag 2021 / € 23,00

Nicola Kabel – Kleine Freiheit

Saskia ist 40, von Beruf Richterin, und momentan in Elternzeit mit zwei Söhnen im Haus am Stadtrand während der Gatte Christian – ebenfalls Jurist – Karriere in Brüssel anstrebt. So weit, so bekannt und vielfach erzählt. Dass diese Geschichte ungewöhnlich in ihrer Normalität ist, verdankt sie dem feinen Blick, den die Autorin auch in die Ecken der in alle Himmelsrichtungen verstreuten und selten sich findenden Verwandtschaft lenkt.

Hier wird alles behutsam ausgeleuchtet: die Abhängigkeiten zwischen Eltern und Kindern, die Erinnerungen an gute und traurige Kindheitserlebnisse und die Erwartungen an das eigene Erwachsenenleben. Sollte im persönlichen Werdegang nicht alles anders und viel überlegter werden als im chaotischen Lebenswandel der 68er Kommunen-Eltern?

„… in den ersten Jahren hatten sie sogar davon gesprochen, woanders zu leben, meist auf ihren Reisen. „Nach deinem Referendariat, Sas, oder etwas später oder am besten, wenn unsere Kinder noch klein sind. Vielleicht in die USA…“ Als Johann zwei Jahre alt war und Saskia wieder schwanger, bekam er ein Angebot: Washington, Weltbank, drei Jahre. Er wollte sie fragen „wollen wir das nicht machen, Sas, wenn der Kleine da ist“ Aber dann kam sie vom Arzt zurück, liegen sollte sie. „Christian, ich habe Angst. Wenn das Baby stirbt.“ „Das wird nicht passieren, Sas …“
Christians Mutter stieg in den Zug nach Hamburg und sorgte für Essen und Ordnung. Julius kam gesund zur Welt … Die Weltbank war vom Tisch.“

Statt Umzug und eigener Karriere widmet sich Saskia der Bürgerinitiative gegen den geplanten Windpark in der Nachbarschaft und verstört mit dem Kontakt zu einem ultrakonservativen Windkraftgegner nicht nur ihren Mann sondern auch ihren Alt-68er-Vater Hans.

Dicht gewebt breitet sich ein Familienpanorama aus, das in unsere Zeit passt und ganz normale Leute in ganz alltäglichen Situationen beschreibt. Dass dies so interessant ist, liegt an der feingliedrigen Beobachtungskunst der Autorin und macht das Buch lesenswert und die Leserschaft nachdenklich.

Verlag C.H. Beck 2021 / € 22,00

Mohlin & Nyström – Der andere Sohn

Vor zehn Jahren ist in der schwedischen Kleinstadt Karlstad eine junge Frau spurlos verschwunden. Ihre Leiche blieb verschollen, den einzigen Verdächtigen Billy musste man laufen lassen. Doch die Tat ist nie vergessen worden, die Schuldzuweisungen sind nie verstummt. Nun wird der Cold Case neu aufgerollt.
Als sich der amerikanische FBI-Agent John Adderley nach einem missglückten Undercover-Einsatz in Baltimore eine neue Identität zulegen muss, ist für ihn sofort klar: Er will nach Schweden zurückkehren, zu seinen Wurzeln. Denn John hat noch eine alte Schuld zu begleichen: Billy ist sein Halbbruder und hat John schon früher angefleht, ihm zu helfen. Er sei unschuldig und die Provinzpolizei damals wie heute nur auf der Suche nach einem Sündenbock, beteuert er. Trotz des Risikos, dass Johns Verfolger aus Baltimore ihm in seine alte Heimat folgen, reist er nach Karlstad und wird Teil des Ermittlerteams. Das bringt nicht nur ihn in tödliche Gefahr.

Vom dramatischen Auftakt in Baltimore bis zur fesselnden letzten Seite in Karlstad hält der Krimi einen sehr guten Spannungsbogen und ist damit erstklassige skandinavische Krimikost – unbedingt lesenswert.

Verlag HarperColling 2021 / übersetzt aus dem Schwedischen von M.Stadler und U. Allenstein
Karlstad-Krimi Band 1 / € 22,00

Svea Jensen – NordWestTod

Der erste Fall für die Soko St. Peter-Ording:

Aus München ins ferne Kiel: Kommissarin Anna Wagner braucht nach ihrer Scheidung einen Tapetenwechsel. Sie zieht in den Norden, um im Landeskriminalamt Schleswig-Holstein eine Stelle aufzubauen, die auf Vermisstenfälle spezialisiert ist. Gleich ihr erster Fall führt sie nach St. Peter-Ording: Nina Brechtmann, eine junge Umweltaktivistin aus einer einflussreichen Hoteliersfamilie, wird vermisst. Hat ihr Verschwinden etwas mit den aggressiven Expansionsplänen ihrer Familie zu tun, wurde sie entführt? Oder hütete die junge Frau ein Geheimnis?
Diesen Fragen gehen Anna Wagner – die fähig Ermittlerin aus dem Süden – und der örtliche Dienststellenleiter Hendrik Norberg, ein alleinerziehender Vater von zwei Söhnen, gemeinsam nach.

Sehnsucht nach Dünen und Meeresrauschen macht bei diesem Krimi allein schon die Erwähnung der Ortsnamen. Und die gelungene Mischung aus Spannung, Ferienwohnungsflair und Strandspaziergängen erfreut sturmerprobte Krimifreund*innen an gemütlichen Abenden im heimischen Sessel.

Verlag HarperCollins 2021 / Ein Fall für die Soko St. Peter-Ording Band 1 / € 12,00
(Band 2 erscheint im Mai 2021)

Petra Johann – Die Frau am Strand

Rebeccas Leben ist fast perfekt: Sie lebt mit ihrer Frau Lucy und ihrer kleinen Tochter in ihrem Traumhaus in Rerik an der Ostsee. Nur wenn Lucy beruflich in Hamburg ist, fühlt Rebecca sich einsam. Das ändert sich eines Morgens, als sie am Strand Julia kennen lernt. Die beiden Frauen freunden sich an und treffen sich täglich – bis Julia plötzlich spurlos verschwindet. Rebecca begibt sich auf die Suche nach ihr, stellt jedoch bald fest, dass sie ein Phantom jagt. Vieles, was Julia ihr erzählt hat, war gelogen, ihre angebliche Zufallsbegegnung sorgfältig inszeniert. Als Rebecca erkennt, weshalb Julia wirklich ihre Nähe gesucht hat, ist es zu spät. Sie muss eine Entscheidung treffen, um die zu schützen, die sie liebt.
Dieser unterhaltsame Spannungsroman mit Ostseenähe ist etwas für Freund*innen eher psychologischer als blutiger Lektüre.

Verlag Rütten & Loening 2021/ € 16,99

Alexander Osang – Die Leben der Elena Silber

Russland, Anfang des 20. Jahrhunderts

In einer kleinen Provinzstadt östlich von Moskau wird der Revolutionär Viktor Krasnow hingerichtet. Wie eine gewaltige Welle erfasst die Zeit in diesem Moment Viktors Tochter Lena. Sie heiratet den deutschen Textilingenieur Robert Silber und flieht mit diesem 1936 nach Berlin, als die politische Lage in der Sowjetunion gefährlich wird.

In Schlesien überleben sie den Zweiten Weltkrieg, aber dann verschwindet Robert in den Wirren der Nachkriegszeit und Elena muss ihre vier Töchter alleine durchbringen. Sie sollen den Weg weitergehen, den Elena begonnen hat zu gehen – hinaus aus einem zu engen Leben, weg vom Unglück. Doch stimmt diese Geschichte, wie Elena sie ihrer Familie immer wieder erzählt hat? Mehr als zwanzig Jahre nach Elenas Tod macht sich ihr Enkel, der Filmemacher Konstantin Stein, auf den Weg nach Russland. Er will die Geschichte des Jahrhunderts und seiner Familie verstehen, um sich selbst zu verstehen.

Fünf Generationen zwischen Deutschland und Russland:
Alexander Osang schlägt – von der eigenen Familiengeschichte inspiriert – einen farbigen Bogen in der europäischen Geschichte und fragt nach den Zufällen, die ein Leben zum Resultat dieser historischen Wanderungen machen.

Fischer-Taschenbuch € 13,00

T. C. Boyle – Sprich mit mir

Wer ist menschlicher – Tier oder Mensch?

Sam, der Schimpanse, den Professor Guy Schemerhorn in eine TV-Show bringt, kann in der Gebärdensprache nicht nur einen Cheeseburger bestellen, sondern auch seinen Namen sagen und hat gelernt, seine Wünsche und Gefühle zu äußern. Wie ein Kind wächst er umsorgt in einer Gruppe wissenschaftlicher Helfer auf.

Als die schüchterne Pflegerin Aimee dazu stößt, entspinnt sich eine einzigartige Beziehung: Sam erwidert ihre Gefühle und entwickelt sich regelrecht zu einem Individuum. Als jedoch die Versuchsreihe Schemerhorns, der an das Menschliche im Tier glaubt, keine Fördergelder mehr erhält, wird Sam für Tierexperimente von einer anderen Universität beschlagnahmt.
Aimee ist am Boden zerstört und fasst einen verrückten Plan. Die Ereignisse überschlagen sich und die Story gerät mitsamt allen Protagonisten gehörig in Turbulenzen.

Erzählerisch stark geht T. C. Boyle ebenso komisch wie mitfühlend der Frage nach, ob uns Tiere ähnlicher sind, als wir vermuten. Und er kritisiert – wie schon in seinen früheren Büchern – die missverstandene Liebe zur Natur und zu ihren Geschöpfen.

Das ist derart spannend, kritisch und furios, dass man Herrn Boyle auch die zwischendurch etwas sehr ausführlichen Gedankenspiele seiner Haupt“person“ Sam verzeiht.

T. C. Boyle – Sprich mit mir / Hanser-Verlag 2021 / € 25,00