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Ronya Othmann – Die Sommer

Leyla ist die Tochter einer Deutschen und eines ezidischen Kurden. Ihr Leben spielt sich zwischen München, der Stadt in der sie mit den Eltern lebt, und einem kleinen syrischen Dorf ab. Dort verbringt sie seit Jahren die Sommerferien bei den Großeltern und den zahlreichen Verwandten in den umliegenden Dörfern. Während in München der deutsche Alltag mit bester Freundin, der Teenagerzeit und Vorbereitung auf Abitur und Studium stattfindet, sind die alljährlichen heißen Sommer bei der kurdischen Verwandtschaft Leylas Herzensangelegenheit – sie ist in beiden Welt zuhause und dennoch auch in beiden gleichermaßen fremd.

Durch die Geschichten, die ihr Vater Silo seiner Tochter (und uns) über seine Heimat, seine Herkunft und von seiner Vertreibung und Flucht als Kurde ohne Land erzählt, fächert sich die ganze komplizierte Vielfältigkeit eines Lebens zwischen den Welten auf.
Für Leyla ist das Leben hier und dort mit der Wehmut verbunden, auf zwei Kontinenten zu Hause zu sein. Die kurdische Sprache muss sie jeden Sommer neu lernen, zuviel Zeit liegt zwischen den Besuchen.

„Manchmal dachte Leyla, wäre es vielleicht besser, nie hierhergekommen zu sein oder niemals wieder hierherzukommen, nichts vermissen zu müssen und nicht vermisst zu werden. Oder vielleicht wäre auch das nicht besser, aber einfacher, wenigstens.“

Von der Großmutter wird sie geliebt. Die Cousinen beneiden sie um ihre Unabhängigkeit, nicht dem Cousin aus dem Nachbarort zur Heirat versprochen zu sein und von den deutschen Mitschülerinnen daheim bleibt sie unverstanden, was die Weltpolitik mit ihrer eigenen Familie zu tun hat: so schlingert Leyla in ihrem Bemühen, eine Identität zu entwickeln.

All das wird von Ronya Othmann eindringlich und farbig erzählt: die Personen werden zu vertrauten Fremden und der Roman schafft es, über das Thema Flucht und Asyl hinaus ein Interesse zu wecken für die Geschichte der Eziden – eine lohnende Lektüre.

Ronya Othmann, Die Sommer – Hanser-Verlag 2020 € 22,00

Rye Curtis – Cloris

Eine alte Dame, die einen Flugzeugabsturz überlebt, eine weinselige stets mit Merlot aus der Thermoskanne durchdrungene Rangerin und dazu eine übersichtliche Anzahl schwer durchschaubarer wichtiger Nebendarsteller*innen bevölkern den wunderbar schrägen Roman von Rye Curtis, dem die Hauptakteurin Cloris Waldrip den eingängigen Titel gibt.

Skurril, befremdlich, schwarzhumorig und stellenweise gruselig realistisch bewegt sich die Story um ein Überleben in der unbarmherzigen Wildnis der Bitterroot Mountains (Montana, USA) entlang menschlicher Abgründe und sonderbarer Gestalten.

Cloris überlebt den Absturz einer kleinen Propellermaschine und bleibt länger in den Wäldern, als es notwendig wäre. Warum sucht man die harte Einsamkeit, wenn man sich retten lassen könnte? Diese und andere existenzielle Fragen beantwortet das außergewöhnliche Romandebüt des amerikanischen Jungautoren Rye Curtis, von dem man unbedingt mehr lesen möchte. Hoffentlich ist sein nächstes Buch bereits in Arbeit – „Cloris“ jedenfalls ist ganz großes Kino!

Rye Curtis – Cloris C.H. Beck-Verlag 2020 € 24,00

Martina Borger – Wir holen alles nach

Der Urlaub auf Lanzarote war für Sina Poschmann, ihren Sohn und den neuen Freund wunderbar. Doch jetzt sind noch einige Wochen Ferien „übrig“ und der 8jährige Elvis kann weder von der berufstätigen Mutter noch vom entfernt lebenden Vater David betreut werden. Torsten, Sinas Partner, springt nur gelegentlich ein und die Situation entspannt sich erst, als Ellen – eine pensioniert Nachbarin – sich tageweise um Elvis kümmert. Zur Freude des introvertierten Jungen werden schöne Ausflüge in Münchens grüne Parks unternommen und mittags wird zusammen gekocht.
Nur zufällig bemerkt Ellen eines Tages die blauen Flecken auf Elvis Rücken und zieht ihre Schlüsse aus dieser Entdeckung. Bestätigung findet sie durch eine Lehrerin der Schule. Das Jugendamt wird verständigt und die Mutter befragt, was zu zahlreichen Konsequenzen für alle Beteiligten führt.

Einfühlsam und dennoch mit leichter Hand erzählt Martina Borger eine nicht alltägliche Geschichte, die sich so oder sehr ähnlich überall ereignen könnte.
Nachdenklich geworden beendet man dieses kleine Buch. Vertrauen spielt eine große Rolle darin und was passiert, wenn es abhanden kommt.

Diogenes-Verlag 2020 / € 22,00

Susan Hill – Wie tief ist das Wasser

Warings ist ein düsteres Herrenhaus in der Nähe von London. In dieses riesige viktorianische Familienanwesen zieht Joseph Hooper mit seinem 11jährigen Sohn Edmund nach dem Tod seiner Ehefrau.

Das große alte Haus ist kein Ort zum Wohlfühlen, zumal Josephs Verhältnis zu Edmund ohnehin unterkühlt ist, aber er weiß sehr wohl, dass ein Elfjähriger nicht ohne Spielgefährten aufwachsen sollte. Daher sucht er eine Haushälterin, die er schon bald in der verwitweten Helena Kingshaw findet – ein Glücksfall, wie es scheint. Mrs. Kingshaw ist hübsch, kompetent und Mutter eines ebenfalls elfjährigen Sohnes, Charles.
Ideale Voraussetzungen, wie es scheint. Doch Edmund entwickelt perfide Ideen, um den gleichaltrigen Eindringling zu verunsichern, zu malträtieren und seine Position als Sohn des Besitzers zu festigen.

Die Erwachsenen ignorieren die Seelennöte Charles´ und hoffen auf ein Ende der Torturen, die sie als kindliche Streiche falsch interpretieren.
Ein Kampf auf Leben und Tod bahnt sich an zwischen den beiden Jungen.

„Wie tief ist das Wasser?“ ist eine intensive Story und so bedrückend und spannend aus der Sicht von Edmund und Charles erzählt, dass man mitleidet und eingreifen möchte, um den Qualen ein Ende zu bereiten. Ein grausames Ende wäre so zu verhindern, auf das Susan Hill in diesem Roman unaufhaltsam zusteuert.

Kampa-Verlag 2020 / € 24,00

Santana – Der Tote von Sines

Der Lesetipp aus der Nachbarschaft von Svenja Schwedtke (Basilikum):

„Wenn ich am Freitag oder Samstag im Basilikum bin, gönne ich mir gerne ein Wochenend-Buch bei meinen Nachbarinnen vom Litera.
Herrlich: Das Gefühl, einen Tag mit Mittagsschlaf vor sich zu haben und ein gutes Buch…

Neulich bekam ich „Der Tote von Sines“ – einen Portugal-Krimi empfohlen, und der hat mir sehr gefallen:
Der Ermittler ist ein relativ junger Mann namens Nuno Cabral, er hat eine Menge zu tragen, was sich der Leserin erst im Laufe des Romans erschließt. Eigentlich ist Cabral gar nicht mehr im Dienst der portugiesischen Polizei, doch als im Ort seiner Eltern ein kapverdischer Einwanderer ums Leben kommt, ergibt es sich, dass Cabral in die Ermittlungen eingreift. Und dabei alte Rechnungen begleichen möchte. Was dahinter steckt, versteht man erst im Laufe des Buches, was so spannend ist, dass es eine Freude ist.

Der Ermittler ist sympathisch, aber schwierig. Die Gegend lässt vom Urlaub träumen, ist aber keinesfalls kitschig und die Art, wie das Leben in Portugal beschrieben wird, hat mir schon in den Lost-in-Fuseta-Krimis von Gil Ribeiro gut gefallen. Die Autorin dieses Buches – Claudia Santana – ist ebenfalls eine Deutsche und hat für mein Gefühl die Stimmung an der portugiesischen Westküste gut eingefangen. Das macht Lust auf Ferien und der „Tote von Sines“ hat mir ein schönes Wochenende beschert. Ich hätte Lust, mehr von diesem unbequemen und doch charismatischen Ermittler zu lesen.“

Claudia Santana, Der Tote von Sines (Portugiesische Ermittlungen Band 1)
Aufbau-Taschenbuch 2020 € 9,99
Band 2 „Die schwarzen Tränen von Sines“ erscheint im August 2020

Philipp Schwenke – Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Jahrelang hat Karl May behauptet, er selbst sei Old Shatterhand: unbesiegbarer Abenteurer, bärenstarker Fährtenleser und Winnetous Blutsbruder. Hunderttausende Leser glaubten ihm, obwohl er Sachsen praktisch nie verlassen hat. 1899 aber bricht er zum ersten Mal wirklich in den Orient auf. Monatelang reist Karl – der angeblich 800 Sprachen spricht, alle Kontinente durchstreift hat und Gegner mit einem Fausthieb niederstreckt – mit dem Reiseführer in der Hand durch den Orient. Doch alles ist eine Enttäuschung. Die Länder, die Sehenswürdigkeiten und am allermeisten der Mann, den auch er für Old Shatterhand gehalten hat: er selbst. Dann aber blasen die Zeitungen daheim zur Jagd auf ihn und unterwegs muss Karl May plötzlich ein noch größerer Held werden als der, den er immer gegeben hat. Denn vielleicht kann er so noch seinen Ruf retten. Oder zumindest die Welt.

Erzählt mit Humor, Verve und Zuneigung zu einem fehlerhaften Helden. Gut recherchiert und nicht nur für Karl-May-Fans empfehlenswert.

Kiepenheuer & Witsch / Taschenbuch € 12,00

Dave Eggers – Die Parade

Zwei Straßenbauer, die unterschiedlicher nicht sein können: der eine korrekt und zielstrebig, der andere neugierig und unbedarft. Sie sind unterwegs in einem Entwicklungsland mit einer Asphaltier-Maschine im Auftrag eines internationalen Konzerns. Je länger die Straße wird, desto schärfer werden die Konflikte zwischen beiden Männern.

Ist der Westen in der Lage, die komplizierten Verstrickungen eines Entwicklungslands, das sich jahrelang im Bürgerkrieg befand, zu begreifen?

Eine Parabel, die nachwirkt. Hochaktuell, spannend und mit einem unerwarteten Ausgang.

Kiepenheuer & Witsch / € 20,00

Pierre Jarawan – Ein Lied für die Vermissten

Amin, ein libanesischer Junge, ist 14 Jahre alt, als er 1994 mit seiner Großmutter aus München, wohin beide vor dem Bürgerkrieg geflohen waren, zurückkehrt nach Beirut. Dort hat der Krieg tiefe Spuren hinterlassen sowohl in der Stadt als auch in den Menschen, die ihn miterleben mussten. Mit dem gleichaltrigen Jafar streift er durch die Ruinen der Häuser und sie verkaufen Dinge vom Flohmarkt, denen sie mit erfundenen Geschichten eine ganz besondere Wertsteigerung verschaffen.
Jafar hat den Krieg im Libanon erlebt und weiß Amin Geschichten zu den zerstörten Häusern und engen Gassen zu erzählen, aus denen er und seine Schwester sich während der Bombenangriffe in fremde, friedliche Länder träumten.

Amins Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Seine Großmutter hat nach der Rückkehr aus Deutschland das Haus der Familie in den Bergen verkauft und eröffnet mit dem Geld ihr Café in Beirut, wo sie eigene Bilder ausstellt. Auch Amins Mutter war Malerin, hat in Paris Kunst studiert, und von ihr stammt das selbst während der Flucht wohlbehütete Bild „Ein Lied für die Vermissten“, das dem Roman den Titel gibt.

Pierre Jarawan, selbst im Alter von 3 Jahren aus Jordanien nach München gekommen, erzählt auch diese Familien- und Freundschaftsgeschichte wieder in der für ihn so typischen bildhaften und dennoch klug reduzierten Sprache mit treffenden Beschreibungen der Gedankenwelt eines Heranwachsenden.

Sein wiederkehrendes Thema ist der Verlust von Sprache und von Familie und so wie bereits in seinem 2016 erschienenen Buch „Am Ende bleiben die Zedern“ ist auch hier das unerklärliche Verschwinden einer geliebten Person (in den „Zedern“ war es der Vater, hier ist es der Freund Jafar) ursächlich für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Jarawans Liebe zum Libanon durchdringt jede Zeile, die Sehnsucht nach der Heimat seines Vaters schwingt in jedem Moment der Erzählung mit. Auch wenn Jarawan nicht seine selbsterlebte, eigene Lebensgeschichte erzählt so ist seine an alle Sinne gerichtete Sprache ein Geschenk: die Gerüche, Geräusche und Gebräuche des fernen Landes so großartig zu beschreiben vermag nur ein echter Geschichtenerzähler – Pierre Jarawan ist solch ein wunderbarer Hakawati.

Berlin Verlag / € 22,00

Alex Ohlin – Robin und Lark

Es sind die 1990er Jahre in Montreal, Kanada: Lark und ihre 4 Jahre jüngere Schwester Robin verbringen ihre Kindheit und Jugend in symbiotischer Verbundenheit, die erklärbar ist durch die Sprunghaftigkeit und die Nachlässigkeit ihrer Mutter, die sich für alles zu interessieren scheint außer für ihre Töchter.
Frühestmöglich geht Lark zum Studium in die USA. Worthen ist ein College „mit dem Flair bescheidener, etwas angegammelter und strebsamer Emsigkeit“. Lark fühlt sich dort das erste Mal in ihrem Leben zuhause. Auch Robin, die sich vor dem übergriffigen Freund der Mutter in Sicherheit bringen möchte, reißt von daheim aus und zieht zur älteren Schwester. Beide gehen später zum Studium nach New York – Lark studiert Filmwissenschaften, Robin Musik.

Es folgen Jahre des Erwachsenwerdens mit diversen Liebesbeziehungen sowie den jeweiligen künstlerischen Orientierungen und selbst ein Kontaktabbruch durch Robin, die mehrere Jahre in Europa lebt, kann das enge Band der Schwestern nicht zerstören.

Stets mäandert das Verhältnis von Marianne zu ihren Töchtern durch den Roman und es ist offensichtlich, dass auch ein schwieriges Verhältnis zur Mutter eine intime Beziehung bleibt, unabhängig von fehlender Liebe oder mangelnder Anerkennung. Beides wird keine der Töchter von ihr erhalten. Als Lark und Robin in der Mitte ihrer dreißiger Jahre angekommen sind, wird ihre gegenseitige Verbundenheit noch auf einer zusätzlichen, sehr berührenden Ebene vertieft und gefordert werden.

Mit scheinbar leichter Hand erzählt Alix Ohlin von den unterschiedlichen Lebensentwürfen und Entwicklungen der beiden Schwestern. Die emotionale Tiefe macht diese Geschichte zu einer wunderbaren Lektüre.

C.H.Beck Verlag / € 23,00

Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Eine starke Geschichte mit gefährlichen Unterströmungen erzählt die amerikanische Autorin Katya Apekina in ihrem ersten Roman. Zwei Schwestern (16 und 14 Jahre) begegnen nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter nach Jahren ohne Kontakt ihrem berühmten Vater wieder. Dieser hatte sich bereits vor langer Zeit von der depressiven und selbst zerstörerischen Marianne getrennt und lebt in New York, wohin die beiden Teenager nach der Klinikeinweisung ihrer Mutter aus New Orleans gebracht werden.

Die ältere, Edith, verweigert sich einer Beziehung zu ihrem Vater, den sie mitverantwortlich für den schlechten Gesundheitszustand der Mutter macht und dem sie die jahrelange Abwesenheit nicht verzeiht. Mae dagegen, die jüngere Tochter, macht sich die Fürsorge des Vaters um ihr Wohlergehen und sein schlechtes Gewissen zunutze: sie lässt sich auf ein gefährliches Spiel mit den Identitäten ein, schlüpft als Muse ihres Vaters in die Rolle der Mutter und macht sich so für ihn unverzichtbar. Wie Marianne, die an Dennis Lomacks Erfolg als Schriftsteller wesentlich beteiligt war und in seinen Büchern als wichtige Protagonistin auftaucht, begibt sich nun die 14jährige Mae in diese Position, zumal sie ihrer Mutter in Aussehen und Ausstrahlung sehr ähnlich ist. Vor den Augen von Familie und Freunden beginnt eine unheilvolle Abhängigkeit.

Abwechselnd geben die beiden Töchter, verschiedene Freunde und nahe Familienmitglieder Auskunft über ihre Beziehung(en) untereinander und in wechselnder Perspektive entsteht das Bild einer Familie, in der sowohl starke Verbundenheit als auch tiefe Ablehnung aller Mitglieder untereinander für Spannungen sorgen.

Es ist ungeheuer vielschichtig und fesselnd, dieser unaufhörlichen Spirale von Abneigung und Liebe bis zum Ende beizuwohnen.

Suhrkamp Verlag / € 24,00